Die Architektur der weißen stadt

Anlässlich des 125. Geburtstages von Ernst May wird mit dem Bau der „weißen Stadt“ an die Bedeutung und das Wirken Ernst Mays als ein Vertreter der Moderne erinnert. Ernst May (1886-1970) zählt zu den wichtigsten Reformarchitekten der Weimarer Republik. Er hat in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Frankfurt am Main als Pionier des Wohnungsbaus gewirkt. Die Vielfalt seines Planens und Bauens drückte sich in neuen, kompakten aber komfortablen Wohnräumen aus. Er plante geradlinige Häuser, welche erschwinglichen Wohnraum im Grünen bieten sollten. Ernst May gestaltete seine Häuser für den Menschen der Zukunft, das Haus wurde als einen Ort der Ruhe angesehen.

Der Begriff der „weißen Stadt“ steht in der Tradition von zahlreichen Siedlungen, die im Geist der Moderne entstanden sind. „Die weiße Stadt“ am Riedberg soll in Anlehnung an diese Werke und ihre Fortschrittlichkeit entstehen. Ziel ist es, ein Ensemble aus geradlinigen, kubischen Bauten zu errichten, mit dem eine einfache, formale Formensprache und kompakte Bauform mit den Anforderungen an modernes Wohnen im Grünen im neuen Stadtteil Riedberg verbunden werden.

In den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden großartige architektonische Entwürfe. Architekten der damaligen Zeit gingen von den veränderten Umwelt- und Lebensbedingungen der Menschen aus und versuchten ihnen mit ihren Entwürfen das Leben zu erleichtern. Dabei entstand Architektur, die höchsten funktionalen Ansprüchen genügt und auch formal äußerst gelungen ist. Sicherlich sind hierbei auch Gebäude und Siedlungen entstanden, die anfangs experimentellen Charakter besaßen, aber durch ihre Signalwirkung das Bauen in ganz Deutschland und weiten Teilen der Welt maßgeblich beeinflusst haben.

In diesem Zusammenhang ist besonders die Weißenhofsiedlung in Stuttgart zu nennen. Zu diesem richtungsweisenden Bauprojekt erfolgte der Spatenstich am 1. Februar 1927, die Eröffnung der Siedlung war am 23. Juli 1927, also ein knappes halbes Jahr später - Ein unglaublich kurzer Zeitrahmen, wenn man berücksichtigt, dass auch die erstmals verwendeten Bautechnologien und -materialien die Ausführenden vor große Probleme stellten. Dennoch schufen die beteiligten Architekten Mies van der Rohe, J. J. P. Oud, Victor Bourgois, Adolf G. Schneck, Le Corbusier, Pierre Jeanneret, Walter Gropius, Ludwig Hilberseimer, Bruno Taut, Hans Poelzig, Richard Döcker, Max Taut, Adolf Rading, Josef Frank, Mart Stam, Peter Behrens und Hans Scharoun mit ihren Entwürfen großartige Architektur.

Zwar lassen sich einige Architekten dieser Zeit gewissen Vereinigungen, Zusammenschlüssen und Strömungen zuordnen, allerdings lässt sich kein gemeinsamer Architekturstil dieser Ära definieren. Dies wird gerade an der Weißenhofsiedlung deutlich, da diese ihrer inhaltlichen und auch personellen Nähe wegen oft dem Bauhaus zugerechnet wird. Allerdings hatte das Bauhaus im Jahr 1927 noch gar keine Architekturabteilung. Noch dazu gibt es den oft fälschlich zitierten Bauhaus-Stil, oder gar die Bauhaus-Architektur gar nicht. Zu unterschiedlich waren auch im Bauhaus die Überzeugungen, sodass selbst die „Bauhäusler“ teilweise sehr vehement gegen den Begriff des Bauhaus-Stils oder der Bauhaus-Architektur vorgegangen sind.
Die Weißenhofsiedlung lässt sich dem Internationalen Stil zuordnen. Dieser Stil fordert Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, um einer neuen Gesellschaftsordnung einen neuen baulichen Rahmen mit den entsprechenden Entfaltungsmöglichkeiten für jeden Einzelnen zu schaffen. Auch wurden 1927 bei einem Treffen anlässlich der Weißenhofsiedlung die „Congrès Internationaux d´Architecture Moderne“ verabredet. Diese wurden in La Sarratz in der Schweiz bis weit in die Fünfzigerjahre gepflegt. Die entsprechende „Erklärung von La Sarratz“ schreibt die enorme Verantwortung der Baumeister gegenüber der Allgemeinheit fest.



Aber nicht nur in Stuttgart, Weimar oder Dessau (dem ersten und zweiten Sitz des Bauhauses) wurde zu dieser Zeit stark über Architektur nachgedacht und nach neuen Lösungen für die starke Wohnungsnot gesucht. In Frankfurt am Main berief  Dr. Ludwig Landmann, nachdem er 1924 zum Oberbürgermeister gewählt wurde, umgehend den Architekten Ernst May zum Siedlungsdezernent. Dieser versammelte in den nächsten Jahren viele Fachleute um sich. Martin Elsässer, Max Bromme, Ferdinand Kramer, Herbert Boehm und Adolf Meyer sind nur einige davon.

Auch international bekannte Architekten wie Walter Gropius, Max Taut oder Mart Stam konnte May davon überzeugen bei einzelnen Projekten in Frankfurt am Main mit zu wirken. Und nicht zu vergessen die Architektin Magarete Schütte-Lihotzky, die auf Bitten Mays eine hauptsächlich nach funktionalen Aspekten entwickelte Einbauküche konzipierte. Diese wurde auch unter dem Namen „Frankfurter Küche“ bekannt. Die hohe architektonische Qualität der dabei entstandenen Siedlungen in Frankfurt am Main wird mit dem Projekt „die weiße stadt“ am Riedberg weitergeführt. Um die angestrebte Qualität der Entwürfe zu gewährleisten, wird bei diesem Projekt ein besonderer Planungsprozess angewandt, bei dem genaue Planungsvorgaben gemacht und durch ein fachkundiges Gremium überprüft werden.